HHM Lab 1 / November 2017

Die Sehnsucht nach Möglichkeiten wecken

 

Die Sehnsucht nach Möglichkeiten wecken

In einer Kloster-Urkunde aus dem Jahr 1285 wird «Innovation» nicht nur mit Verbesserung in Verbindung gebracht, sondern «als Tatbestand, der eine Belohnung verdient» bezeichnet. Der Innovationsbegriff reicht damit bis ins Mittelalter zurück; nie zuvor wurde er aber so inflationär gebraucht wie heute. Das passt zur Zeit und der Diskussion um die Digitalisierung, wird ihr aber nicht gerecht.

 

Alles Innovationen oder was? Der Eindruck entsteht beim Blick in Zeitungen, ins Web oder in Broschüren. Doch der Hype stumpft ab: Mangelnde Sinnhaftigkeit der propagierten Innovations- oder Fortschrittsprozesse ist mit ein Grund. Selbst fundamentale Entwicklungen im Silicon Valley beobachten viele mit einer Mischung aus Bewunderung und Ignoranz. Das muss nicht schlecht sein, wenn man begreift, dass wesentliche Veränderungen stattfinden. Andernfalls kann es fatal werden.

 

Der Müdigkeit entgegentreten

Technologien haben regelmässig Fortschritt in Aussicht gestellt. Selten hatten sie aber einen derart positiven Impact wie der Buchdruck oder die Toilette. Paypal-Mitgründer Peter Thiel sagte einmal: «Wir wollten fliegende Autos, stattdessen bekamen wir 140 Zeichen.» Trotz der Ironie steht diese Aussage für unerfüllte Erwartungen. Die Möglichkeiten der Digitalisierung müssen sich konkretisieren. Das können Ingenieure tun. Sie machen Dinge dank neuer Technologien besser, einfacher oder klüger. Das ist für manche Schweizer Unternehmen und Hidden Champions Alltag. Für sie sind Innovationen und die Optimierung der Wertschöpfung schon lange Teil des Überlebensmodus; nicht so für die Baubranche.
Erstaunlich ist gleichzeitig die Tatsache, dass mit jedem neuen Gebäude ein Prototyp entsteht. Die Produkte, an denen wir arbeiten, und die Aufgaben, die uns beschäftigen, setzen regelmässig Flexibilität, Ideenreichtum und die Bereitschaft voraus, Neues machen zu wollen. Nur ist Innovation in diesem Kontext mit dem Einsatz neuer Technologien verknüpft; Innovation als Resultat aus Anforderungen der Auftraggeber oder Erfordernissen und Auflagen; Neues aus dem «Zwang» heraus.

 

Das Fundament bereiten

Die Digitalisierung mit ihren Chancen, Möglichkeiten und neuen Spielregeln zwingt letzte Branchen dazu, fällige Entwicklungen einzuläuten. Das ist gut so. Eine Herausforderung zum Gelingen besteht darin, aufseite der «Betroffenen» sinnvolle Nutzerversprechen zu formulieren und auf Mehrwerte für Anspruchsgruppen zu fokussieren. Es geht nicht darum, dass alle im Unternehmen zu Innovatoren oder Unternehmerinnen werden. Aber das Bewusstsein für die Notwendigkeit von Veränderungsbereitschaft muss reifen. Denn ohne Menschen gelingt die Digitalisierung nicht. Das heisst auch, dass Unternehmen mit starkem kulturellem Fundament besser dafür gerüstet sind; die digitale Kompetenz lässt sich eher aufholen. Im Gegensatz dazu die «modern Überforderten» mit ihren überzogenen Erwartungen an alles Neue, die kulturelle Defizite kaschieren wollen.

 

Den Willen unterstreichen

Kulturelle und strukturelle Begebenheiten im Unternehmen sind entscheidend, denn die Digitalisierung trifft auch auf Erfordernisse aus der Arbeitswelt 4.0 (New Work Transformation). Die Reaktion auf die Anforderungen muss zum Unternehmen und den Mitarbeitenden passen und nachvollziehbar sein. Niemand folgt der Vision von Geschäftsleitungen, die das digitale Zeitalter mit disruptiven Gefahren heraufbeschwören und Veränderung ohne eigene Veränderung einfordern. HHM geht deshalb mutige Wege und experimentiert mit neuen Organisationsformen und Co-Working. Das Unternehmen setzt auf Jahresarbeitszeit und hat mit der Innovation Journey Möglichkeiten geschaffen, eigene Ideen mit Potenzial für eine Innovation ohne jegliche Eintrittshürde voranzutreiben. Die «Reise» wird von der obersten Unternehmensleitung forciert und getragen. Fehlt diese Haltung, bleibt ein Commitment illusorisch.

 

Den Blick klären

Es bleibt indes unmöglich, ein genaues Zukunftsbild zu zeichnen. Auch weil Menschen Ereignisse und Entwicklungen systematisch unter- und überschätzen. Unsere Art, Informationen zu konsumieren, verzerrt die eigene Wahrnehmung. Ein wichtiger Grund ist der Newskonsum. Der Autor Rolf Dobelli hat dies so beschrieben: «News sind für den Geist, was Zucker für den Körper ist.» Seine Empfehlung: Blenden wir News systematisch aus und konzentrieren wir uns auf fundierte Berichte, Bücher oder Publikationen. Wir verpassen nichts Relevantes. Beispiel gefällig? 1993 kam der erste Internetbrowser namens «Mosaic» auf den Markt und keiner hats bemerkt; weder sogenannte Experten noch Journalisten. Greifen wir lieber zum Hörer und verabreden uns mit einem führenden Wissenschaftler zum Gespräch. Mit dieser News-Zäsur begegnen wir der «toxischen» Wirkung trivialer Häppchen und belangloser Geschichten. Substanzielle Begegnungen haben also Potenzial! Im Fall der Innovation und Digitalisierung heisst das, dass wir gescheiter bewusst Zeit mit unseren Kunden und wichtigen Anspruchsgruppen verbringen, um voneinander zu lernen und zu profitieren. Denn auch sie befinden sich in einem Transformationsprozess.

 

Den Tellerrand verlassen

Für eine gemeinsame Reise «weckt man die Sehnsucht nach dem Meer». Man informiert sich darüber, was man sehen, entdecken und erreichen will. Auf neuem Terrain begleitet ein erfahrener Guide. Das ist im Fall der HHM Innovation Journey nicht anders. Via Academy wurden Klassen auf «Endeckungs-Touren» mitgenommen. Die Teilnehmer haben gelernt, Innovation als Thema umfassend zu begreifen. Sie können Projekte systematisch beurteilen und vorantreiben. Die «Daheimgebliebenen» sind über Reise, Ziele und Aktivitäten informiert, haben jederzeit die Möglichkeit, eigene Initiativen zu lancieren. Eine Herausforderung im getriebenen Planerumfeld besteht darin, die gute Dynamik aus Lern- und Arbeitssettings in den Alltag zu bringen. Denn Innovieren ist zu 90 % Arbeit und fordert viel Engagement. Zur Reise gehört auch, ein Gespür für sein Ecosystem zu entwickeln. Es gilt, im Open-Innovation-Umfeld Erfahrungen zu sammeln und Partner zu finden, die Kollaboration («mit-arbeiten») als Chance begreifen.

 

Zurück zum eingangs erwähnten «Tatbestand der Belohnung»: Im Fall der Journey und der Digitalisierung besteht sie aus der gewonnenen Freiheit, zu können und zu dürfen. Auf gehts!

 

von Christoph Wey, Leiter Kommunikation und Marketing, HHM Gruppe